KAREN BLIXEN IN AFRIKA


28 Jahre alt

Sie ist 28 Jahre alt, der zur Landwirtschaft ausgebildete Bror Blixen ist ein Jahr jünger. Beide nähren sie große Erwartungen an ihr Pionierleben, welches sich jedoch bald als sehr viel schwieriger erweist, als erwartet. Sie ziehen auf ihre erste Farm M`Bagathi, direkt nach der Hochzeit in Mombasa im Januar 1914. Doch bereits im August desselben Jahres bricht der Erste Weltkrieg aus und weitet sich aus zu einem Kampf zwischen Deutschen und Engländern innerhalb der ostafrikanischen Kolonien. Dies führte zu einem Mangel an Arbeitskräften und Material auf den Farmen, außerdem verhängte England 1917 ein Importverbot für Kaffee. Dazu wurde das Land von einer Rinderseuche heimgesucht und in den Jahren 1915 und 1918 von katastrophalen Dürreperioden.

Alle neu etablierten Farmer durchlebten aus diesem Grund sehr schwere Jahre, sowohl während als auch nach dem Krieg. Zu den schwierigen äußeren Bedingungen fügten sich Bror Blixens rücksichtslose Projekte und verantwortungslose, ökonomische Transaktionen, die zu Defiziten und Verschuldung führten. In seiner Bror Blixen-Biografie zitiert der Verfasser Ulf Aschan – einen von Bror Blixens Bekannten – mit folgender Replik: „Ich glaube, Blix war der einzige Mensch auf der Welt, der ernsthaft glaubte, eine Rechnung sei bezahlt, wenn er sie unterschrieb.“ 1916 hat die Familien-Aktiengesellschaft „The Karen Coffee Company Ltd.“ jedoch immerhin noch genug Vertrauen in die Zukunft, dass sie eine größere Kaffeefarm kauft. M`Bogani, bei den Ngong-Hügeln außerhalb Nairobis – die, die wir aus Jenseits von Afrika kennen.

Der 2. Dezember 1913 ist ein Datum, das auf entscheidende Weise das beschützte, aber nicht ganz unproblematische Dasein der Gutsherrntochter Karen Dinesen verändern soll. An dem Tag verlässt sie das Heim ihrer Kindheit, Rungstedlund und Dänemark, um nach Afrika zu reisen, sich mit ihrem Verlobten, dem schwedischen Baron Bror von Blixen-Finecke, zu verheiraten und – mit großen finanziellen Zuschüssen beider Familien – ein neues Leben auf einer Farm in Britisch-Ostafrika, dem späteren Kenya, zu beginnen.


Krieg, Dürre und drohende Schulden

Krieg, Dürre und ein wachsender Schuldenberg waren jedoch nicht das einzige, was Kerben schlug in die Träume des Blixen-Paares vom Familienleben in Afrika. Wenige Monate nach der Hochzeit wurde Karen Blixen krank und suchte einen Arzt in Nairobi auf. Die Diagnose lautete Syphilis. Sie wurde erfolglos mit Quecksilbertabletten behandelt und musste im April 1915 nach Dänemark zurückreisen, um sich dort in kundige Hände zu begeben. Drei Monate währte ihr Aufenthalt im Reichshospital. Die Krankheit konnte im zweiten Stadium aufgehalten werden und somit jedes Risiko von Ansteckung. Karen Blixen wurde aber für den Rest ihres Lebens immer wieder von starken Schmerzen geplagt, die sie nach neuesten Erkenntnissen einer chronischen Schwermetallvergiftung verdankte, bedingt durch die Quecksilberbehandlung. Ob es Bror war, der Karen Blixen mit Syphilis infizierte, ist eine weiterhin ungeklärte Frage.

Denys Finch Hatton

1918 trifft Karen Blixen zum ersten Mal den englischen Adligen und Offizier Denys Finch Hatton (1887-1931), der in Ostafrika als Geschäftsmann und Safariführer lebte. Es entsponn sich ein langjähriges Liebesverhältnis zwischen den beiden. Der Charakter ihrer Beziehung lässt sich aus Karen Blixens Briefen aus Afrika ersehen. Am 3. August 1924 schrieb sie z.B. an ihren Bruder Thomas Dinesen: „Ich bin, glaube ich, für alle Ewigkeit an Denys gebunden, die Erde zu lieben, auf die er tritt, über alle Maßen glücklich zu sein, wenn er hier ist und mehr zu leiden als ein vielmaliger Tod, wenn er abreist.“ Aus einigen Briefen und Telegrammen im Karen Blixen Archiv der Königlichen Bibliothek geht außerdem hervor, dass Karen Blixen 1924 glaubt, ein Kind von Denys Finch Hatton zu erwarten. Dieser jedoch weist alle Verantwortung für ein Kind von sich.

Die Ehe mit Bror Blixen wird aufgehoben

Die Ehe zwischen Karen und Bror Blixen war bereits 1919 im Kentern begriffen und 1920 ersuchte Bror Blixen seine Frau schriftlich um die Scheidung. Sie lehnte vorläufig ab, doch ein Jahr später trennten sie sich gegen Karens Wunsch. Im gleichen Jahr wurde Bror Blixen als Verwalter der Farm von Karen Blixens Onkel, Aage Westenholz, entlassen. Dieser war einer der Investoren und Vorsitzender der Karen Coffe Co. Karen Blixen übernahm daraufhin die Leitung der Kaffeefarm und 1925 wurde das Paar endgültig geschieden.


Zwangsversteigerung der Farm

Es glückte Karen Blixen nicht, die hoffnungslose Wirtschaft der Farm wieder aufzurichten und 1931 ist die Geduld der Geldgeber erschöpft. Die Farm wurde zwangsversteigert und Karen Blixen musste sich darauf vorbereiten, Afrika zu verlassen. Kurz vor der Abreise, am 14. Mai, stürzte Denys Finch Hatton mit seinem Privatflugzeug ab und wurde getötet. Zu diesem Zeitpunkt ist ihr Verhältnis bereits nicht mehr so eng, wie zu Anfang. Die Luft hatte sich bereits 1928 abgekühlt, u.a. auf Grund Denys Finch Hattons Entschluss, Bror Blixen als Kompagnon mit auf eine Safari anlässlich des Besuches des Prinzen von Wales in Kenya, mitzunehmen.

Am 31. August 1931 zieht die mittlerweile 46-jährige und völlig ruinierte Karen Blixen zurück zu ihrer Mutter nach Rungstedlund. So wie ihr Leben sich 1913 entscheidend verändert hatte, als sie nach Afrika zog, zu Ehe und Pionierleben, so änderte es sich wieder radikal, als sie 1931 einen neuen Lebensinhalt für sich finden musste. Sie begann damit, die Erzählungen zu vollenden, die sie 1925/26 in Afrika zu schreiben begonnen hatte, als die Probleme begannen, sich aufzutürmen.

Afrika, eine Ehe und ein Liebesverhältnis waren verloren

Afrika, eine Ehe und ein Liebesverhältnis waren verloren. Aus den Ruinen erhob sich eine Verfasserschaft, aber auch ein Dasein außerhalb der Norm in Bezug auf Mann, Kinder und bürgerlichen Beruf. All dies geschieht nicht ohne Unkosten. Viele Jahre später – in der Erzählung „Wiedersehen“ von 1961 – lässt Karen Blixen den Direktor eines Marionettentheaters, Pipistrello, zu Lord Byron sagen: „Sicher ist es ein großes Glück, die Dinge, die einem geschehen, in Geschichten verwandeln zu können. Es ist vielleicht das einzig vollkommene Glück, das ein Mensch im Leben erreichen kann. Aber zur gleichen Zeit, unerklärlich für die Nichteingeweihten, ist es ein Verlust, sogar ein Fluch.“ Diese Erzählung wurde erst nach Karen Blixens Tod veröffentlicht.
1932 beendete Karen Blixen ihre Sammlung auf englisch geschriebener Erzählungen. Ihr Versuch, sie in England herauszugeben, bleibt ohne Ergebnis. Der nächste Schritt bestand darin, eine Freundin ihrer Tante Bess, die amerikanische Autorin Dorothy Canfield Fisher, dazu zu bringen, das Manuskript zu lesen. Diese empfahl es ihrem eigenen Verleger, Robert K. Haas, der es zuerst für zu riskant befand, „short stories“ einer unbekannten europäischen Autorin zu verlegen. Aber Karen Blixen arbeitete weiter und sandte 1933 nochmals das Manuskript los, dieses mal ergänzt durch die Erzählung „Sindflut von Norderney“. Robert K. Haas schlägt zu. Noch vor seinem Erscheinen wird das Buch vom „Book-of-the-month-Club“ in den USA gewählt und am 9. April 1934 erscheint Seven Gothic Tales unter dem Pseudonym Isak Dinesen. Die New York Herald Tribune kündigt das Buch mit folgender Überschrift an: „Diese magischen Geschichten umgibt ein Hauch von Genie.“

Am 1. Mai 1934 erzählt Karen Blixen der Berlingske Tidende, dass sie diejenige ist, die unter dem Pseudonym Isak Dinesen die Seven Gothic Tales geschrieben hat. Verhandlungen mit dänischen Verlagen kommen in Gang und am 25. September 1935 erscheinen Syv fantastiske fortællinger [Sieben phantastische Erzählungen] im C.A. Reitzels Verlag, in Karen Blixens eigener Übersetzung.