KAREN BLIXENS KINDHEIT UND JUNGEND


Viele große Künstler und Schriftsteller verspüren bereits in ihrer Kindheit und frühen Jugend das Bedürfnis, sich in Form von Gedichten, kleinen Geschichten und Skitzen auszudrücken. Das gilt auch für Karen Blixen – 1885 unter dem Namen Karen Dinesen geboren.

Bereits als Achtjährige schreibt sie „Gedichte von Karen Dinesen, 1893“ und in den darauffolgenden Jahren verfasst sie Märchen, Erzählungen und Schauspiele, die sie zuhause auf Rungstedlund mit Geschwistern und Freunden aufführt. Die Kladden, in denen sie schreibt, sind desweiteren gefüllt mit Zeichnungen von Trollen und Landschaften, Frauenportraits und Illustrationen zur Lieblingsliteratur ihrer Jugendjahre, u.a. Shakespeares Schauspiele und Charles Dickens Romane.

Zeichenunterricht

1902, mit 17 Jahren, erhält sie Zeichenunterricht an der privaten Zeichenschule der Fräulein Meldahl und Sodes in Kopenhagen und ein Jahr später wird sie an der von der Kunstakademie neueröffneten Kunstschule für Frauen angenommen. In der Zwischenzeit fährt sie fort, zu dichten und in den Jahren 1907 und 1909 werden einige ihrer Novellen unter dem Pseudonym „Osceola“ in den führenden, literarischen Zeitschriften gedruckt. Sie wecken jedoch keine besondere Aufmerksamkeit und 1910 reist Karen mit ihrer Schwester nach Paris, angeblich um dort die Malschule zu besuchen. Wie ihr Tagebuch aus der Zeit des Aufenthaltes bezeugt, ist die Ausbeute bescheiden. Sie nimmt – wenn auch ohne große Freude – am Gesellschaftsleben der Stadt teil und ist insgesamt „das ganze so leid, dass ich mich übergeben könnte“. Als sie sich 1913 mit dem schwedischen Baron Bror von Blixen-Finecke verlobt und nach Afrika emigriert, hat sie den Gedanken an eine künstlerische Karriere wohl endgültig aufgegeben. Allerdings nimmt sie ihre Kladden mit diversen Skitzen aus ihren jungen Jahren mit sich.


Viele Jahre später in Afrika

Viele Jahre später in Afrika, als ein Unglück nach dem nächsten sie trifft, macht Karen Blixen eine Bestandsaufnahme ihres Lebens. In einem Brief von 1926 erklärt sie ihrem Bruder Thomas Dinesen, weshalb sie sowohl die Dicht- als auch die Malkunst aufgab:

„Ich hätte natürlich für mich selbst bestimmen sollen; aber hier kam wieder einmal der seltsame Widerstand gegen alles, was auf irgendeine Weise außerhalb des engen, heimischen Kreises lag, und ihre seltsame Macht, einem immer das Gefühl von Unrecht zu vermitteln, wenn man sich gegen sie stellte. Was dachten sie sich? Ja, sie stellten sich wohl hauptsächlich die Ehe als unsere Zukunft vor.“

Darin war sich die Familie Dinesen nicht einig. Um die Jahrhundertwende betrachtete man die Ehe und das Gründen einer Familie noch immer als vorrangige Bestimmung der Frau. Ausbildungseinrichtungen für Frauen wurden erst wenige Jahre vor Karen Blixens Geburt gegründet und es waren in erster Linie nicht die Töchter des gehobenen Bürgertums – Karen Blixens Milieu – die das Lehrerseminar oder die Krankenschwesterschule besuchten. Sie wurden weiterhin dazu erzogen, sich zu verheiraten und am Gesellschaftsleben teilzunehmen, Sprachen zu lernen, Literatur zu lesen, evtl. ein Instrument zu lernen oder zu malen. Aber das alles ausschließlich mit Hinblick auf die Allgemeinbildung und zum Zeitvertreib.

Auf Seiten der Väter

Von väterlicher Seite her, setzte sich Karen Blixens Familie aus Offizieren und Gutsherren zusammen, mütterlicherseits waren sie Großhändler und ebenfalls Gutsherren. Ihr Vater, Wilhelm Dinesen, wurde auf dem Herrenhof Katholm in Djursland geboren. Als zweitgeborener Sohn wurde er zum Offizier ausgebildet und nahm zuerst am dänisch-deutschen Krieg von 1864 teil, danach im französisch-deutschen Krieg von 1870/71. 1872 reiste er nach Wisconsin und lebte als Pelzjäger unter den nordamerikanischen Ureinwohnern. Als er 1879 nach Dänemark zurückkehrte, kaufte er drei Landgüter in Nordsjælland, darunter auch Rungstedlund, Karen Blixens Geburtshaus.

1881 verheiratete Wilhelm Dinesen sich mit Ingeborg Westenholz, Tochter des Finanzministers, Staatsrat Regnar Westenholz, der Großhändler u.a. in London gewesen war und seither das Gut Matrup in Horsens gekauft hatte, auf dem Ingeborg geboren worden war. Wilhelm und Ingeborg Dinesen bekamen schnell hintereinander drei Töchter, Inger (Ea) 1883, Karen (Tanne) 1885 und Ellen (Elle) ein Jahr später. 1892 und 1894 folgten die Brüder Thomas und Anders.


Der Vater wird ins Folketing gewählt

Wilhelm Dinesen wurde 1892 als Parteiloser mit Sympathie für die konservative Partei Venstre ins Folketing gewählt. In den Zeiten, in denen das Folketing tagt, wohnt er unter der Woche in einer Kopenhagener Mietwohnung. Hier erhängt er sich am 28. März 1895. Es findet sich keine offizielle Erklärung, warum der erst Fünfzigjährige Gutsherr, Folketingsmann und Vater von fünf Kindern, sich das Leben nahm. Das einzig existierende schriftliche Zeugnis ist ein Brief Ingeborg Dinesens an den Sohn Thomas, worin sie schreibt: „Für Vater war der Gedanke, wie ein geschlagener und kranker Mann zu leben, unerträglich.“

In einem interview aus dem Jahre 1959 sagt Karen Blixen: „Meines Vaters Familie waren ansprechende Menschen, aber sie hatten kein Talent zu leben. Sie waren, wie man sagt, von vornherein verdammt. Sie waren außerordentlich begabt, aber sie erwarteten zu viel vom Leben.“

Der Vater stirbt, als Karen Blixen zehn Jahre alt ist

Karen Blixen ist zehn Jahre alt, als ihr Vater stirbt. Sie wird ihn während des Erwachsenwerdens sehr vermissen, da sie ihrem Vater eng verbunden war. Aber auch, weil im vaterlosen Heim nun kein Gegenpol mehr besteht, gegen die vielen starken und religiösen Frauen, die nun die Kinder umgeben. Außer der Mutter Ingeborg ist da noch die unverheiratete Tante Bess (Mary Westenholz) und die Großmutter Mamá (Mary Westenholz), eine Witwe, die auf dem nahegelegenen Gut Folehave lebt. Außerdem noch die Hauslehrerin Fräulein Zøylner und das Kindermädchen Malla.

Ingeborg Dinesen selbst gibt 1931 in einem brief an Thomas Dinesen eine sehr genaue Beschreibung der damaligen Verhältnisse, die Verständnis dafür ausdrücken, dass Karen Blixen sich dort als Jugendliche nicht wohl fühlte: „Ich hatte so oft Gewissensbisse, weil ich es zugelassen hatte, dass Folehave sein liebevolles aber schweres Gewicht so sehr auf euch legte – natürlich hauptsächlich auf Tanne, die am meisten außerhalb dieses Geistes stand (…) natürlich weiß ich gut, dass sie sich erdrückt fühlte vom Leben hier mit Bess und mir, Gräfin Ahlfeldt, Frau Funch, Ulla etc. – alle zusammen Bürgerlichkeit in liebenswürdigen, tödlichen Gewässern.“

In seinem Buch Tanne. Min søster Karen Blixen [Tanne. Meine Schwester Karen Blixen] von 1974, erzählt Thomas Dinesen vom Heim der Kindheit; vonr Mamá und ihre viktorianische Einstellung mit festen und unverrückbaren moralischen Gesetzen und von der Mutter Ingeborg als einem „der religiösesten Menschen, die ich je kannte“. Über die Erziehung der Schwestern schreibt er diplomatisch: „Es war nicht immer leicht für die drei Schwestern belehrt zu werden, und zwar mit der größten Sicherheit, über das Gute und das Böse im Leben, über Recht und Unrecht, über Pflichten und Handlungen, sowie über das rechte, passende Wort – sogar über die passenden, die artigen Gedanken“. Wie Karen Blixen das beengende, viktorianische Milieu wahrnahm, lässt sich aus ihren Briefen aus Afrika herauslesen, sowie aus dem Jugendgedicht Vinger [Flügel], dessen letzter Vers lautet:

Hoch ist der Himmel, eine Tiefe aus Klarheit, ein Brunnen von Blau, von Strahlen scheinend, hoch will ich steigen, ohne Schwindel, die Erde sehen verschwinden, spielen mit den Winden. Schön ist die Erde zur Sommerzeit, wenn alle Rosenknospen springen, aber in seinem Gefängnis singt mein Herz nur von Flügeln, nur von Flügeln.

In Afrika wird Karen Blixens Sehnsucht nach „Flügeln“ erfüllt – der Titel eines Kapitels in Jenseits von Afrika. Aber der freie Flug birgt das Risiko des harten Falls. Auch diesen sollte Karen Blixen erleben.