ESSAYS. MOTTOS MEINES LEBENS

Die Texte, die in verschiedenen Buchausgaben unter der Bezeichnung „Essays“ oder „Mottos meines Lebens. Betrachtungen aus drei Jahrzehnten“ gesammelt sind, waren in ihrer ursprünglichen Form entweder Vorträge, Feuilletons, Radioansprachen oder Aufsätze in Zeitschriften. Eine Ausnahme bildet „Moderne Ehe und andere Betrachtungen“, die Karen Blixen in Afrika schrieb und 1924 ihrem Bruder Thomas Dinesen zusandte unter dem Titel „Über Ideal und Natur“. Es handelt sich um die Fortsetzung eines mündlichen Meinungsaustausches zwischen Karen Blixen und Thomas Dinesen, während seines Aufenthaltes auf der Farm in Kenia. Die Entstehung der übrigen Essays erstreckt sich über die Zeit zwischen den Jahren 1938 und 1959.

Die erste Sammlung Essays erschien 1965, die nächste Ausgabe mit den gleichen Texten kam im Jahre 1978 unter dem Titel Meines Lebens Mottos und andere Essays heraus, und schließlich erschien 1985 Gesammelte Essays mit drei weiteren Texten (Die moderne Ehe, Schwarze und Weiße in Afrika, Über vier Kohlezeichnungen). In den USA und England erschien eine Auswahl der Essays im Jahre 1979 unter dem Titel Daguerreotypes and Other Essays.

DAS VERHÄLTNIS ZWISCHEN DEN GESCHLECHTERN
Die Rolle der Frau in Ehe und Gesellschaft sowie das Verhältnis zwischen den Geschlechtern, wird in einigen von Karen Blixens Essays thematisiert. Es ist interessant zu beobachten, wie sehr sich ihre Haltung zu diesen Fragen seit ihrer Jugend verändert hat. In „Die moderne Ehe und andere Betrachtungen“, geschrieben um 1923, vergleicht Karen Blixen die Rolle der Frau in der Ehe früher und heute. Früher, schreibt sie, hatte die Frau eine feste und bedeutungsvolle Rolle in der Ehe. Nun ist die Ehe eine zweifelhafte Einrichtung, um sein Leben dafür zu opfern. Die Ehe bietet der Frau unzumutbare Verhältnisse und macht sie ohne jeden Grund unfrei. Der Essay von 1923 folgert, dass die Liebe am besten in dem gedeiht, was Karen Blixen ein „freies Liebesverhältnis“ nennt, also ein uneheliches Verhältnis.

EINE FESTREDE AM LAGERFEUER, MIT 14 JAHREN VERSPÄTUNG GEHALTEN
30 Jahre später in „Eine Festrede am Lagerfeuer, mit 14 Jahren Verspätung gehalten“ meint Karen Blixen, dass die Frauenfrage ein mehr oder weniger abgeschlossenes Kapitel sei. Ein Hauptpunkt der Festrede ist, dass Männer und Frauen wesensverschieden seien, was einen guten Nährboden für Austausch und Inspiration biete. In diesem Zusammenhang verweist sie auf den englischen Autor Aldous Huxley, der in einem Roman den Ausdruck „die Liebe der Parallelen“ über „ein unfruchtbares und schmerzliches Verhältnis“ benutzt hat. „ – die Liebe der Parallelen“, schreibt Karen Blixen in ihrer Festrede, ist „die hoffnungslose Liebe zweier paralleler Linien, die einander folgen, sich aber niemals treffen“.

1926 dachte sie indessen das Gegenteil. In einem Brief aus dem Jahre 1926 (Briefe aus Afrika ) benutzt sie den gleichen Aldous Huxley-Ausdruck: „Aldous Huxley hat einen Ausdruck „Die Liebe der Parallelen“, – den er richtigerweise in einer ziemlich tragischen Bedeutung verwendet, den ich aber wohl auffassen kann, wie ich will, – der auf eine Weise ausdrückt, was ich hier meine: man verschwimmt nicht „ineinander“, man geht nicht „ineinander auf“; man kommt sich vielleicht nicht so nah wie die Menschen, die die Fähigkeit haben, ineinander aufzugehen, und man ist ganz sicher nicht einander das Ziel im Leben, aber während man man selbst ist und seinem eigenen, fernen Ziel zustrebt, findet man das Glück in der Überzeugung, in alle Ewigkeit parallel zueinander zu laufen.“ Diese zwei völlig unterschiedlichen Haltungen bei der jungen und bei der älteren Karen Blixen, sind ein Beispiel dafür, dass man Karen Blixens Erzählungen sehr missverstehen kann, wenn man die Essays der älteren Autorin nutzt, um die Erzählungen der sehr viel jüngeren Autorin zu deuten.

DAGUERREOTYPIEN
In Daguerreotypien zeichnet die Autorin einige Bilder von Menschen aus der Vergangenheit, also ihrer eigenen Elterngeneration mit deren Ideen, Vorstellungen und Lebensauffassungen. Das erste Bild zeigt die Frauen der Vergangenheit, die sich in drei Kategorien aufteilen lassen – je nach der Position, die sie im Verhältnis zu den Männern einnehmen: die Hausfrau, der Schutzengel und bajaderen. Die vierte – die Hexe – steht für sich allein, weil sie eben „unabhängig war vom Mann und ihren Schwerpunkt in sich selbst hatte.“
Die zweite Daguerreotypie handelt von der Jungfrau Sejlstrup, Haushälterin auf dem Landgut des Hofjägermeisters. Diese Daguerreotypie diskutiert u.a. den Gleichheitsbegriff und die je nach Generation wechselnde Auffassung dessen, was zu den „Gütern des Lebns“ zählt.

MOTTOS MEINES LEBENS
In „Mottos meines Lebens“ betrachtet Karen Blixen Mottos, die sie sich in verschiedenen Perioden gewählt hat und was sie jeweils für sie bedeutet haben.Noch ganz jung wählte sie „Essayez!“ (Wage es/Versuch es!), sowie „Tit i vanskeligheder, aldrig bange“ (Oft in Schwierigkeiten, niemals ängstlich). Unter dem Motto „Navigare necesse est, vivere non necesse“ zogen sie und Bror Blixen nach Afrika. Pompeius´Aussage, dass es notwendig sei, zu segeln, nicht zu leben, übertrugen sie auf ihre eigene Situation: „Es ist notwendig eine Farm zu haben, es ist nicht notwendig, zu leben.“
In Afrika übernahm Karen Blixen ein Motto von Denys Finch Hatton. „Je responderay“ – Ich werde antworten. Sie betont den etischen Inhalt des Mottos: „Ich werde gerade stehen für das, was ich sage oder tue; ich werde dem Eindruck entsprechen, den ich mache. Ich werde verantwortungsvoll sein“.

Nach der Rückkehr nach Dänemark bekam Nietzsches „Ich bin ein Ja-Sager, und ein Kämpfer war ich“ für sie Bedeutung, zusammen mit „Pourquoi pas?“ – Warum nicht? Über das letzte schreibt sie: „“Warum?“ allein ist ein Jammern oder Klagen, ein Schrei des Herzens; es scheint in der Wüste zu verhallen, in sich selbst negativ zu sein, die Stimme einer verlorenen Sache. Aber wenn noch ein Negativ, ein „nicht“ hinzugefügt wird, verwandelt sich die pathetische Frage in eine Antwort, ein Direktivum, ein Signal, das wilde Hoffnungen ausdrückt. Unter diesem Zeichen (…) beendete ich mein erstes Buch.“

TITEL DER EINZELNEN ESSAYS
(Ausgabe: Tania Blixen: Mottos meines Lebens. Betrachtungen aus drei Jahrzehnten, Stuttgart 1991 und Reinbeck 1993)

  • Vorwort
  • Moderne Ehe und andere Betrachtungen
  • Schwarze und Weiße in Afrika
  • Briefe aus einem land im Krieg (Deutschland Anfang 1940)
  • Wiedersehen mit England
  • H.C. Branner: „Der Reiter“
  • Zu vier Kohlezeichnungen
  • Daguerreotypien
  • Eine Festrede am Lagerfeuer, mit 14 Jahren Verspätung gehalten
  • Von Laie zu Laie
  • Rungstedlund. Eine Ansprache im Radio
  • Die Mottos meines Lebens