REZENSIONEN: SIEBEN FANTASTISCHE ERZÄHLUNGEN

Als Blixens Debutsammlung Sieben phantastische Erzählungen 1935 in Dänemark erschien, wurde sie von den Rezensenten gemischt aufgenommen. Einige würdigten sie als „genial“, andere beschrieben sie als „Plaudereien beim adeligen Damen-Tee“. Von sieben Rezensionen führender Kritiker sind vier insgesamt positiv, während sich drei von gewaltsamer Ablehnung bis zu Vorbehalten erstrecken. Jenseits von Afrika von 1937 wurde sehr viel besser aufgenommen, doch auch diesmal befand sich in so manchem Becher Wermut.

Wie manch andere Autoren hatte auch Karen Blixen ein gutes Gedächtnis, wenn es um die schlechtesten Rezensionen ging. Aber wie aus den untenstehenden Zitaten hervorgeht, waren ihre häufigen Klagen, dass sie in ihrem Vaterland weder verstanden noch angenommen werde, nicht unbegründet. Besonders, da die angelsächsische Welt, sie mit sehr viel mehr Wärme und Begeisterung empfing. Dort reagierte niemand negativ auf Genre oder Stil, denn sie verfügten über sehr viel mehr literarischen Weitblick, als Teile der Literaturkritik und des lesenden Publikums im Dänemark der 1930er Jahre.

REZENSIONEN DER SIEBEN FANTASTSCHEN ERZÄHLUNGEN. ZITATE

Tom Kristensen, Politiken, 1935:
„Und diesen Grundton wollen wir festhalten. Trauer und Freude, Schmerz und Wolllust laufen zusammen in Eines. (…)Und kann dieser Grundton den Leser noch nicht vertraut machen, mit der verschnörkelten, hyperlogischen Fantasie der Baroness, erscheint er dem Leser weiter undänisch, so amüsiert es, denselben unwilligen Leser daran zu erinnern, dass der dänische Søren Kierkegaard einst in unserer „gothischen“ Vergangenheit, in den 1840ern, einen hypergenialen Essay über Mozarts „Don Juan“ schrieb. Dort wird man die gleiche dänische Fantasie finden, die mit ihrem logischen Eigensinn droht, die Vernunft zu sprengen – die dänische Fantasie, so wie sie ist, wenn sie genial ist.“

Hartvig Frisch, Social-Demokraten, 1935:
„Zum Schluss soll der Vollständigkeit halber hervorgehoben werden, dass falls sich der ein oder andere Dunkelmann nun freut, dass die Romantik wieder in Mode käme, er sich auf jeden Fall zu früh freut. Das Buch ist nämlich weder moralisch, noch unmoralisch, sondern schlicht amoralisch. Ein Marionettenspiel über die Triebe von Männern und Frauen, geschrieben von einer klugen und einfühlsamen Beobachterin. Ist die angewandte Märchenform beinahe orientalisch und ist die Zeit Empire, so ist im Gegenzug die Betrachtungsweise hochmodern und völlig unsentimental.“

Otto Rung, Berlingske Aftenavis, 1935:
„… diese Erzählungen sind aus Fleisch und Blut, so lebendig, dass sie eine Natur von einer höheren Potenz bilden, als die der unseren. Und eine Leidenschaft, die nicht bloß gefangen nimmt, sondern schlägt! (…) In Dänemark, wo Fantasie im Großformat stets von literarischen Pädagogen unter dem Namen Fantasterei geächtet wird, ist solch ein Buch ein seltener Gast. Es ist, als sähe man den Fliegenden Holländer in Langelinies Badehafen segeln, direkt zwischen den Sonntagsbooten des Amateurklubs!“

Hans Brix, Dagens Nyheder, 1935:
„Es steht außerhalb aller Moral. Nur beschäftigt mit der Pracht des Lebens. Es ist großspurig aristokratisch in seiner Haltung gegenüber der Existenz. Es stellt sich mit intensiven Glücksempfindungen quer zum Alltäglichen, Offensichtlichen und Handgreiflichen. Aber es ist eine beinahe unerschöpfliche Quelle für Details von gesalzenem Witz, unverzagtem Zynismus, spielerischer Geistesfülle. Es hat seine Tummelplätze ganz für sich allein und imponiert als Luftspiegelung.“

Frederik Schyberg, Berlingske Tidende, 1935:
„Die Hälfte des Charms, den das Buch auf das Ausland ausübt, beruht auf dem Paradox zwischen Inhalt und Sprache, zwischen dem pervertierten Ton und dem (für englische Augen) höchst primitiven Millieu in diesen mystischen, „fantastischen“ und dekadenten Erzählungen – aus Dänemark. (…) Der Snobismus ist teils persönlicher, teils ästhetischer Art. Das historische Millieu der Erzählungen (sie spielen alle 100 Jahre vor unserer Zeit) beruht auf historischem Snobismus und deren Nachahmung der großen romantischen Erzähler ist literarischer Snobismus. Isak Dinesen verhält sich außerdem snobistisch gegenüber alten Weinen, Diamanten, Schwänen, Wildschweinen und Einhörnern, die feste Requisiten in all ihren Erzählungen sind. (…) Aber Snobismus führt natürlich zu Ton, zu Niveau, zu Erfolg in Amerika. Aber wie steht es mit der Perversion? Das Wort ist hässlich, aber man findet kein anderes, wenn man die Tatsache benennen will, dass sich in den sieben Erzählungen nicht ein normaler Mensch findet. (…) Ohne prüde zu sein kann man sagen, dass das Buch künstlerisch deklassiert wird von seiner grenzenlosen erotischen Neugierde, die aus dem einen Grund ärgerlich ist, dass sie keinem Ziel dient. Das sind Plaudereien beim adeligen Damen-Tee. Baroness Blixen-Finecke bietet Perversionen mit der Zuckerzange. (…) Aber für den Konflikt der Erzählung, für das Verhältnis zwischen Boris und Athene, gibt es keine Lösung, obwohl es das ist, worauf wir gespannt sind. Isak Dinesen erschafft einen Effekt, aber keine Pointe. Das ist die Regel ihrer Erzählkunst.“

Richardt Gandrup, Aarhuus Stiftstidende, 1935:
„Inzwischen ist sie an eine traditionelle Auffassung gebunden, deren Einseitigkeit und Mangel an wirklicher Tiefe sich so offenherzig ausnehmen, dass eine Lektüre ihrer Erzählungen wie eine schleppende Wiederholung von etwas wirkt, was man vor langer Zeit glücklich überstanden zu haben glaubte. (…) Ohne Umschweife lautet die Wahrheit, dass die sieben Erzählungen sowohl episch als auch psychologisch gekünstelt wirken bis zum Unnatürlichen und in ihrem Stil raffiniert erscheinen, bis hin zum Anstößigen. (…) Einen bleibenden Platz in der dänischen Dichtung werden sie wohl nicht einnehmen.“

Paul la Cour, Tilskueren, 1934:
„Eine Dame von Welt hat diese knisternden, artistischen Novellen verfasst und in gewisser Hinsicht handelt es sich zweifellos um ein Stück Weltliteratur, das sie zustande gebracht hat. Literarische Pastiche höchster Qualität, aber das Buch ist fruchtlos, denn es ist ohne Zweck.“

Alle dänischen und ausländischen Rezensionen der Sieben phantastischen Erzählungen sind abgedruckt in Blixeniana, 1980.

 

REZENSIONEN: JENSEITS VON AFRIKA

Vergleicht man dänisch und ausländische Rezensionen von Jenseits von Afrika, wird noch einmal klar, wieso viele Jahre vergingen, bis Karen Blixen sich in Dänemark akzeptiert fühlte. Die englischen und amerikanischen Schriftsteller sprechen so gut wie einstimmig lobende Worte, während es große und kleine Vorbehalte bei den Dänen zu spüren gibt. Nichts ist so schlimm wie Frederik Schybergs berühmte herostratische Vernichtung der Sieben phantastischen Erzählungen. Aber im Kristeligt Dagblad kommt Emil Frederiksen Schyberg schon sehr nahe, wenn er schreibt, dass es manchmal „reichlich Damengeschwätz“ sei. Insgesamt wurde Jenseits von Afrika sehr viel besser angenommen, insbesondere von den Lesern. Es erlangte sehr viel höhere Auflagen, als Karen Blixens andere Erzählungen.
REZENSIONEN ZU JENSEITS VON AFRIKA. ZITATE

Hakon Stangerup, Nationaltidende, 1937:
„Es läuft ein knisternder elektrischer Strom zwischen dem Stoff und der Stimmung. Es lebt mit einer erstaunlich intensiven Wärme, denn es legt die Atmosphäre des Lebens sowohl um Tiere als auch Menschen, um Schwarze und Weiße, Natur und Zivilisation – mit nichts weniger beschäftigt es sich! (…) Auf der Oberfläche des Buches gleiten farbenstrahlende Bilder von Mensch und Tier, oft munter und niemals langweilig – aber tiefer im Buch treiben die großen Kräfte ihr Spiel.“

Tom Kristensen, Politiken, 1937:
„Die Einzelheiten des dunklen Afrika treten hervor, als schaltete man des Nachts eine elektrische Taschenlampe ein und richtete den Lichtkegel darauf. Und dort stehen sie und zucken, eines Löwen Flammenhaupt, eines Negers schweres, schwarzes Gesicht, in diesem zitternden und scharfen Schein, ausgestrahlt von der genialen Fähigkeit der Verfasserin, zu erleben und das Erlebte in Worten wiederzugeben, direkt aus den Gedanken der Autorin.“

Svend Erichsen, Social-Demokraten, 1937:
„Sie schreibt nicht länger über den vergehenden Adel der Vergangenheit, über sonderbare Gestalten – ausgeschnitten aus den Malereien und Gobelins alter Schlosssäle – sondern über die Neger und Mohammedaner der Gegenwart, aus dem Innersten Afrikas. Und sie schreibt wie ein Meister. Die Wirklichkeit, die sie vor uns eröffnet ist so nackt und so lichtdurchflutet, dass wir all ihre Fasern sehen können, dass wir sie fühlen können, so als wäre sie durch einen Zauberspruch ganz eng ans Leben gerückt. Karen Blixen gehört zu den Wenigen, die die Magie der Kunst beherrschen.“

Kai Friis-Møller, Ekstra Bladet, 1937:
„Die Gründlichkeit, mit der sie ihren kleinen eingborenen Küchenjungen und ihre zahme Gazelle heraufbeschwört, sind wohl kaum ausschließlich einem tiefen Willen zuzuschreiben, diese sanften, wilden Wesen unsterblich zu machen, sondern sie folgen einem magischen Ritus, durch den sie versucht, ihr eigenes Bild im Bewusstsein ihrer fernen Untergebenen lebendig zu halten.“

Hans Brix, B.T.,1937:
„Dieses Buches größte Zierde ist seine Atmosphäre aristokratischer Balance in Frau Karen Blixens Seele. Wie die weiße Herrscherin, einsam zwischen den braunen und schwarzen Personen, die bei ihr in Lohn und Brot stehen, sitzt, nein thront sie unter des Äquators lotrechter Sonne und dem kalten tropischen Nachthimmel, wie das wahrgewordene Bild europäischer Überlegenheit über sein eigenes Schicksal und das Schicksal anderer.“

Kjeld Elfelt, Berlingske Tidende, 1937:
„Aber – es ist eine kluge und erfahrene Frau, die die Feder über das Papier führt. Und ein Dichter? Ja! Und ein Genie? Tom Kristensen schwor, als Sieben phantastische Erzählungen auf dänisch erschien, dass er seinen Kopf auf den Richtblock legen wollte, wenn Isak Dinesen nicht genial wäre. Lasst uns eine Axt leihen… und er ist morgen entschieden einen Kopf kürzer.“

Emil Frederiksen, Kristeligt Dagblad, 1937:
„Hingegen glückt es der Verfasserin nicht, uns tiefgehende oder inhaltsschwere Einblicke in die Mentalität der afrikanischen Eingeborenen zu gewähren und in die Veränderungen, die sie beim Treffen mit der Mission und der Zivilisation durchlaufen. Auf diesem Gebiet sind ihre Meinungen so banal wie in jedem beliebigen literarischen Damen-Salon. Sie erzählt von den Negern in einem durchdringenden Ton, der die Wahrnehmung genießt, die diese von ihr als von einem höheren Wesen haben. (…) Ein Firnis von klassischer Bildung und der Gebrauch von Ausdrücken aus der religiösen, namentlich katholischen, Vorstellungswelt lässt es wie eine sachliche, farbenfrohe Schilderung erscheinen. Kultivierte Aquarelle – wo wir uns eher eine Abbildung von Afrikas Wesen gewünscht hätten.“

Die wichtigsten dänischen und ausländischen Rezensionen von Jenseits von Afrika wurden abgedruckt in Blixeniana, 1984. Einen Überblick über die Rezensionen von allen Werken Blixens erhält man bei Liselotte Henriksen: Karen Blixen. En bibliografi.1977.