SCHATTEN WANDERN ÜBERS GRAS

„Wir verpassen, glaube ich, einiges, wenn wir die Würde, Weisheit und Poesie der afrikanischen Stämme nicht anerkennen und nicht bestrebt sind, sie uns zu eigen zu machen“, schreibt Karen Blixen in einem Brief an ihren Bruder Thomas Dinesen am 8. August 1961 (Karen Blixen i Danmark. Breve 1931-62). Die Würde, Weisheit und Poesie der Afrikaner findet sich unter den Themen in Karen Blixens letztem Buch über die Zeit in Kenia, Schatten wandern übers Gras. Es erschien ein Jahr, bevor sie den oben zitierten Brief schrieb, nämlich am 4. November 1960.

TITEL DER EINZELNEN KAPITEL:

  • Farah
  • Barua a soldani
  • Die große Geste
  • Echo aus den Höhen

Zwei der Kapitel waren bereits früher veröffentlicht worden. Eine leicht abgewandelte Version von „Farah“ erschien in der Nationaltidende, 1948, unter dem Titel „Portrait eines Gentleman“. Zwei Jahre später wurde „Farah“ als Radiovortrag Karen Blixens im dänischen Rundfunk ausgestrahlt und im selben Jahr erschien der Text als selbstständige Schrift in Wivels Verlag. Eine erste Version von „Die große Geste“ erschien 1957 im Wochenblatt Alles für die Damen (Alt for damerne).

FARAH
In „Farah“ erzählt Karen Blixen von ihrem Somali-Haushofmeister während all ihrer Jahre in Afrika, Farah Aden, und dem Herr-Diener „Pakt“, der sie verband. Es handelt sich sowohl um das „Portrait eines Gentleman“, als auch um eine warme Huldigung eines Menschen, der genau wie Afrikas wilde Tiere, „in direkter Beziehung zu Gott“ stand. Darüber hinaus besaß Farah eine Eigenschaft, die von Karen Blixen aufs höchste geschätzt wurde – Furchtlosigkeit.

BARUA A SOLDANI
„Barua a Soldani“ bedeutet „Brief eines Königs“. Diese Erzählung handelt von einem Brief, den Karen Blixen von König Christian dem X. erhielt, als Dank für ein Löwenfell, welches sie ihm geschickt hatte. Als sie eines Tages eine Rodung inspiziert, wird das Bein eines jungen Afrikaners des Kikuyu-Stammes unter einem Baum zerschmettert. Sie hat kein Morphin bei sich, aber da der Junge vor Schmerzen schreit, verfällt sie darauf, den Brief des Königs auf sein Bein zu legen und ihm zu erzählen, dass der Brief eines Königs „alle Schmerzen lindert“. Es wirkt, und von dem Tag an wird der „magische“ Brief des Königs fester Bestandteil ihrer Arzneitasche und wird so oft benutzt, dass er später – so erzählt die Autorin – ganz „steif von altem, geronnenem Blut“ war.

PHANTASIE & WIRKLICHKEIT
Der Brief König Christian des X. wurde mittlerweile in den Karen Blixen-Archiven entdeckt, wohlbehalten und unbefleckt. Die Diskrepanz zwischen der Erzählung und der tatsächlichen Beschaffenheit des Briefes, gibt Anlass zu Überlegungen bezüglich des Verhältnisses zwischen Wirklichkeit und Erzählung. Die gleichen Überlegungen, zu denen auch das Verhältnis zwischen Briefe aus Afrika und Jenseits von Afrika Anlass gibt. Das Entscheidende ist nicht, ob und wie Karen Blixen den echten Brief benutzt hat, sondern dass er sie inspiriert hat zu einer Erzählung über die Kraft der Mythen oder des Glaubens.

ABSCHIED VON AFRIKA
Das Kapitel „Echo aus den Höhen“ handelt von Karen Blixens Abschied von Afrika und ihren späteren Versuchen, Kontakt zu den Menschen auf ihrer Farm zu halten. Der Titel bezieht sich auf einen Abschnitt im Kapitel „Farvel til Farmen“ in Jenseits von Afrika . Der Abschnitt schließt mit folgenden Worten: „Dieses war ganz eindeutig nicht der Zeitpunkt zu jammern und sie hatten großzügig meiner Schwäche ihr taubes Ohr zugewandt. Große Mächte hatten über mich gelacht, oder mir zugelacht, mit einem Echo aus den Höhen“.