WINTERGESCHICHTEN

Karen Blixens zweite Geschichtensammlung, Wintergeschichten kam in Dänemark am 10.10.1942 heraus, während der deutschen Besätzung Dänemarks 1940-1945. Im selben Jahr kam das buch auch in England heraus, aber erst 1943 in den USA, wo es genau wie die beiden vorrigen Bücher zum „Book of the month“ gewählt wurde.

Nach den gotischen, aristokratischen und afrikanischen Umgebungen in den beiden vorangegangenen Büchern, wandte Karen Blixen sich mit Wintergeschichten heimwärts zu sehr dänischen Landschaften und Milieus und zu einem Stil, der der dänischen Literaturtradition wesentlich näher kommt, als der in den ersten beiden Büchern. Sie lassen sich unter anderem mit den Erzählungen von St. St. Blicher vergeleichen. Man spürt beim Lesen von Wintergeschichten, dass sich Karen Blixen nach über zehn Jahren nach ihrer Rückkehr aus Afrika etwas mehr zu ihrem Dänischen Ursprung bekennt. In der Suche danach was ein menschliches Leben und Schicksal bedingt, die sich durch die gesammte Autorschaft Karen Blixens hindurch zieht, kommt sie in Wintergeschichten in erster Linie zu der Frage nach der Bedeutung von Aufwachsen und Kindheit für den erwachsenen Menschen.

KINDER UND JUNGE MENSCHEN

Das meisten Erzählungen in dieser Sammlung handeln von Kindern und sehr jungen Menschen. Ein durchgängiges Thema in den elf Geschichten sind Kinder, die sich aus verschiedensten Gründen fremd fühlen in dem Milieu, in dem sie aufwachsen. Alkmene in der Erzählunge „Alkmene“ ist ein uneheliches Kind, welches von einer Pfarrerfamile adoptiert wurde. Die pietistische Lebenshaltung dieser Familie bricht Alkmenes angeborenen Lebensmut und die ihr eigene Sinnlichkeit. Auch die jungen Hauptpersonen in „Peter und Rosa“ wachsen in einem lebensverleugnenden und düsteren Kirchhofmilieu auf. Die Voraussetzungen mit dem Milieu zu brechen sind jedoch bei beiden nicht die selben. Peter steht am Meer und träumt davon den Zugvögeln zu folgen, während Rosa, die sich ebenfalls fort sehnt, auf Grund ihres Geschlechts dazu gezwungen ist zu bleiben. Auch Jens, der Junge in „Das träumende Kind“, wächst bei Adoptiveltern aus einem bürgerlichen Milieu auf. Genau wie die zuerst genannten Erzählungen beschäftigt sich auch diese Geschichte mit einem Kind, welches mit Eigenschaften und einem Wesen ausgestattet ist, das die Eltern nicht kennen und verstehen.

NEUE FRAUENROLLE

Karen Blixen wuchs in einer Zeit auf, in der die sich die Rolle der Frau in einem Wandel befand.
Vom richtigen Leben ausgeschlossen, dafür bestimmt Hausfrau und Mutter zu sein, erwachten in den Frauen dieser Zeit die Wünsche nach mehr Selbstständigkeit und nach dem recht in einem direkten Verhältnis zur Welt zu stehen, anstatt sie bloß durch zweite Hand, nämlich durch den Mann zu erleben. Dies verursachte viele Konflikte. Nicht nur zwischen den Frauen und den Männern und zwischen den Frauen und ihrer Elterngeneration, sondern auch in den Frauen selbst. Sie fühlten sich gespalten von dem Wunsch von ihren Männern geliebt zu werden, deren Frauenideal nach wie vor die untertänige Hausfrau und Mutter war, und dem Wunsch die Erlaubnis zu bekommen selbstständige Menschen mit ihren eigenen Rechten zu werden.

Diese Problematik kommt in unterschiedlicher Art und Weise und in unterschiedlichem Grad in Karen Blixens Autorschaft zum Ausdruck. In Wintergeschichten sieht man es am deutlichsten in der Erzählung „Die Heldin“. Hier kommt das Dilemma der Frauenbewegung zum Ausdruck in der Szene, in der die weibliche Hauptperson Heloïse in einem Pariser Varieté in einem Tableau von „Dianas Rache“ auftritt. Das Tableau stellt die griechische Mythe über Diana und Actaeon dar, als die keusche Jagdgöttin Diana den Königssohn Actaeon von seinen eigenen Hunden zerfleischen lässt, weil er sie und ihre Nymphen belauert hat, während diese nackt in einem See gebadet haben. Heloïse der Heldin der eigentlichen Erzählung gelingt es jedoch nicht, sich an Frederick, dem Mann zu rächen, der sie sah, aber nicht ernsthaft an ihr interessiert war. Am Schluss der Erzählung hat er Karriere gemacht und eine andere Frau geheiratet. Heloïse kann bloß konstatieren, dass es nur die Frauen sind, die alles fühlen und von denen die Zeit so viel nimmt und zum Schluss letztendlich alles.

TITEL DER EINZELNEN ERZÄHLUNGEN

 

  • Der junge Mann mit der Nelke
  • Leidacker
  • Die Heldin
  • Die Geschichte des Schiffsjungen
  • Die Perlen
  • Die unbezwingbaren Sklavenhalter
  • Das träumende Kind
  • Alkmene
  • Der Fisch
  • Peter und Rosa
  • Eine tröstliche Gesellschaft